Charaktere (er)leben

Autoren lieben (mehr oder weniger) die Charaktere, die sie mit ihren Geschichten zum Leben erwecken.
Darum möchte ich heute über eine etwas andere Methode schreiben, um das, war wir so lieben, (er)leben zu können.

Gleichzeitig ist es eine Zusammenfassung meiner Session, die ich auf dem LitCamp17 halten durfte:
„Charaktere (er)leben – Improvisationstheater“

Stop! Keine Panik!

Wahrscheinlich denkt ihr jetzt, dass ist doch nur etwas für Mutige. Aber das stimmt nicht. Theater heißt nicht gleich, auf einer Bühne vor Menschen zu stehen.
Es geht genauso darum, Ideen an sich heran zu lassen und damit zu arbeiten. Es ist nur körperlicher als das Schreiben.
Ich bin froh, dass so viele auf dem Camp über ihren Schatten gesprungen sind und es ausprobiert haben.

Man hat euch schon mal gesagt, ihr könnt kein Theater spielen? Oder durftet immer nur den Baum im Hintergrund darstellen?
Dann lasst euch gesagt sein: Das ist absoluter Quatsch! Jeder kann Theater spielen. Diese Meinung vertrete ich und das LitCamp hat es mir wieder einmal bewiesen. 🙂

Also, worum geht es im Improvisationstheater (kurz „Impro“) überhaupt?
Es ist, wie der Name schon sagt, eine Form des Theaters, bei der improvisiert wird. Es gibt kein Skript. Man ist auf seine eigenen Ideen und Fantasie angewiesen. Denn auch Requisiten, also Gegenstände, die eine Szene unterstützen, gibt es eher selten.
Im ersten Moment klingt das doch alles eher einschüchternd. Man ist irgendwie auf sich allein gestellt.
Lasst uns dem Ganzen den Schrecken nehmen.

Im Impro gibt es, genauso wie beim Schreiben, Regeln, an die man sich halten sollte. Natürlich gilt auch hier: Wenn du die Regel gut beherrschst, kannst du auch versuchen, sie zu brechen.
Hier die 3 – meiner Meinung nach unumstößlichen – Regeln des Impro:

1. JA!
Diese Regel steht an erster Stelle, denn sie verhindert es, den Ideenfluss zu stören. Meist bezieht sich das JA sagen auf die Interaktion zwischen zwei oder mehreren Spielern in einer Szene.
Ein Beispiel:
„Wo warst du letzte Nacht?“ Es gibt nun zwei Möglichkeiten zu reagieren. „Ich war doch hier, Zuhause.“ ist ein ganz klares NEIN. Durch diese Antwort wird die Idee des Mitspielers blockiert. Wohingegen „Ich war letzte Nacht bei deinem besten Freund.“ die Geschichte voran bringt. Damit sage ich JA zu der Idee meines Mitspielers. Aber noch viel wichtiger: Ich sage JA zu meiner eigenen Idee, denn ich hätte mir auch eine harmlosere Idee überlegen können.
Merke also – Sage JA zu deinen Mitspielern und zu dir selbst. Wenn dir eine Idee in den Kopf kommt, dann probiere sie aus und habe keine Angst davor. Es ist schließlich nur Theater 😉

2. Hab Spaß
Wenn du keinen Spaß hast, dann stimmt etwas nicht. Selbst bei ernsten Szenen musst du dich wohl fühlen!

3. Stop
Sollte dir etwas unangenehm werden, jemand kommt dir zu Nahe oder ähnliches, dann denke an Regel 2.
Es ist vollkommen in Ordnung, zu sagen „Bis hier hin und nicht weiter.“ Teste gerne deine Grenzen, aber höre auch auf deinen Körper. Vor allem durch ihn kann man spüren, wann die eigene Grenze erreicht ist.

Aber was bringt das Ganze nun für die Entwicklung eines Charakters?

Auch im Improtheater gilt es, Charaktere zu entwickeln.
Von vielen Autoren weiß ich, dass sie Steckbriefe oder Fragebögen nutzen, um etwas über ihre Figuren zu erfahren. Allerdings hat ein Spieler auf der Bühne keine Zeit, sich lange darüber Gedanken zu machen.
Darum gibt es verschieden Möglichkeiten Charaktere auszuarbeiten – körperlich.

Die Kugel/Der Faden:
Hierbei stellt man sich vor, man hätte eine Kugel in seinem Körper. Das Körperteil ist frei wählbar und auch, wie schwer die Kugel ist, darf selbst entschieden werden.
Wie fühlt sich der Körper nun an? Wie bewegst du dich? Versuche es einfach mal, indem du durch den Raum läufst.
Wichtig: Die Kugel muss keine Verletzung sein, vielleicht gibt es ja noch andere Gründe, warum ein Mensch sich so bewegt?

Der Faden ist eine ähnliche Methode. Man wählt ein Körperteil, dass mit einem unsichtbaren Faden verbunden ist, der an einem zieht.
Zieht er schnell? Oder eher langsam? Nach vorne, oder nach hinten?

Das Tier:
Wie diese Methode schon vermuten lässt, versucht man sich wie ein Tier zu bewegen.
Dabei geht es aber keineswegs darum, wie eine Schlange über den Boden zu kriechen. Vielmehr versucht man die Eigenschaften, die das Tier ausmachen, in ein menschliches Leben zu übertragen. Bewegungen können dabei helfen.
Wie würde sich das Tier deiner Wahl bewegen? Ist es eher schreckhaft oder zutraulich? Auch hier hilft es wieder, durch den Raum zu laufen und es einfach einmal auszuprobieren.

Chakren:
Es hat zwar nichts mit Esoterik oder Hinduismus zu tun, sehr wohl aber mit Energie.
Diese Energie bündelt sich entweder im Kopf, im Herzen, im Bauch oder in der Hüfte. Diese vier Körperregionen stehen für überspitzte Charaktereigenschaften.
Kopf: Dieser Charakter wird von seinem Verstand bestimmt. (Vergleich: Sheldon)
Herz: Ein Charakter, der sich immer um alle sorgt und viel Liebe für alle hat. (Vergleich: liebende Mutter)
Bauch: Gier ist die Eigenschaft dieses Charakters, dabei muss es aber nicht zwangsläufig ums Essen gehen. (Vergleich: Gollum)
Hüfte: Dieser Charakter denkt eigentlich den ganzen Tag nur an das Eine. (Vergleich: ein lüsterner alter Opa)

Diese Methoden lernt man meist während eines Raumlaufs. Man bewegt sich einfach durch den Raum und versucht, sich in den jeweiligen Charakter einzufühlen.
Dabei gibt es jemanden, der diesen Lauf anleitet und, ähnlich eines Fragebogens, Fragen stellt.

Wie heißt du?
Wie alt bist du?
Was arbeitest du?/Gehst du noch zur Schule?
Was sind deine Hobbys?
Wer sind deine Freunde?/Hast du Freunde?
Was macht dich aus?

Natürlich sind diese Fragen erweiterbar und für Autoren, die ihre Charaktere besser kennen lernen wollen, können sie auf das jeweilige Setting abgestimmt werden.
In der Session selbst fanden wir heraus, dass einige Probleme mit dem Namen haben und diese Frage für sie schwer zu beantworten ist.
Dann ist es kein Problem die Frage nach dem Namen hinten anzustellen. Denn hier kommt wieder die zweite Regel des Impro zum Einsatz. Hab Spaß dabei.

Was haltet ihr von dieser Art der Charakterentwicklung?
Würdet ihr so etwas gerne einmal ausprobieren?
Oder wart ihr sogar bei einer meiner Sessions dabei?
(Auch Leute aus „Impro kann jeder“ sind gerne dazu eingeladen ihre Erfahrungen zu teilen 😉 )

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2 Gedanken zu „Charaktere (er)leben“

  1. Eine super Session! Vielen Dank für die Zusammenfassung und dass du den gekonnten Bezug zum Autorendasein gezogen hast. Weiter so ( = mehr davon! *sabberlechz*) 😀

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